Vom Schummern und Schraffieren

Die meisten Zeichnungen leben von Tonwerten. Denn Tonwerte erzeugen Schatten und Tiefe. Außerdem täuschen sie unserem Gehirn eine Art von Dreidimensionalität vor. Tonwerte formen den Gegenstand, die Landschaft oder das Gesicht auf dem Papier zu etwas Greifbarem. Tonwerte sind die verschiedenen Helligkeitsstufen einer Zeichnung. Ich schreibe ganz bewusst Helligkeits- und nicht Graustufen, denn Tonwerte kann man auch mit Farben erzeugen. Ein dunkles Rot ist z.B. dunkler als ein mittleres Grau. Sie können unterschiedliche Tonwerte auch durch eine Verdichtung des Striches erreichen. Durch Kritzeln, Schummern, Schraffieren und Wischen können Sie in einer Bleistiftzeichnung die Tonwerte verändern.

Ist Schummern, Wischen und Schmieren überhaupt erlaubt?

Manche Zeichner erheben den Finger, wenn es auf dieses Thema zu sprechen kommt. „Nein! Eine gute Zeichnung darf nicht gewischt sein!“
Ich meine dazu, „es kommt darauf an, wie man es einsetzt!“ Außerdem bin ich der Meinung, in der Kunst ist alles erlaubt. Ob es allen gefällt, ist eine andere Sache.

Eines meiner alten, gewischten Kohleporträts

In meinen ersten Zeichnungen schmierte ich noch mit dem Finger herum oder verwischte mit Estompen (Papierwischern). Das kann man mal machen. Sparsam eingesetzt ist der Effekt sehr schön und erzeugt Weichheit. Auch Hintergründe oder Nebel in einer Landschaft sehen gewischt grandios aus. In Kohlezeichnung gehört Schummern und Wischen eigentlich dazu. Aber auch hier würde ich darauf achten, nicht alle Linien wegzuwischen.

Die Merkmale einer Zeichnung sollten nicht verloren gehen.

Es gibt Zeichner, die mit Wischen hyperrealistische, aber fürchterlich langweilige Porträts erzeugen. Nichtzeichner sind verblüfft von der Technik, dem Können des Zeichners und finden solche Werke toll. Es kann auch sein, dass sich solche Zeichnungen, besonders bei ansprechender Größe, sehr gut verkaufen. Vor ein paar Jahren fand ich diese pixelkopierten Bilder genial. Das Internet und Zeichenforen sind reichlich mit solchen Porträts gefüllt. Heute denke ich: »Ein Scanner und Drucker machen das schneller!« Ich finde, einer Zeichnung darf und sollte man die Zeichnung ansehen. Das macht ihren Reiz aus. Wenn Sie jedoch gerne Fotos auf diese Art kopieren, dann machen Sie es! Auf alle Fälle lernen Sie dabei eine Menge über Tonwerte.

Schummern erreichen Sie durch schnelle Bewegungen, einer Art Ausmalen mit der Breitseite des Bleistifts. Sie erzeugen dabei relativ schnell flächige Zeichnungen. Mehrfach übereinandergelegt, mit unterschiedlich harten Bleistiften oder stärker aufrückend, erzeugt man verschiedene Tonwerte. Ich finde Schummern besonders bei schnellen Skizzen praktisch. Tonwertskizzen vor Ort, kleine Thumbnails (Minizeichnungen), um die Komposition zu testen oder die Tonwerte zu verstehen, sind am schnellsten durch Schummern aufs Papier gebannt.

Schraffuren sind technisch wesentlich anspruchsvoller. Eine gut gemachte Schraffur ist etwas Tolles. Sobald man Tusche, Kugelschreiber oder Faserstifte verwendet, kommt man an der Schraffur nicht mehr vorbei. Außer Sie lavieren die Zeichnung. Das heißt, Sie vermalen die Linien mit Wasser oder kolorieren mit Lavierungen und /oder Lasuren z.B. mit Aquarellfarben.

6 Kissen, Albrecht Dürer

Wirklich gute Schraffuren findet man auf alten Kupferstichen und Holzschnitten. Verwischen ist in der Drucktechnik nicht möglich. Deshalb mussten alle Grauwerte durch eine Verdichtung neben- und übereinandergesetzter Linien erreicht werden. Je näher die Linien nebeneinanderstehen, desto dunkler erscheint die Fläche. Eine weitere Verstärkung erreichte man durch Überkreuzen der Linien. Die Künstler wenden diese Technik bereits seit über 500 Jahren an, um Tonwerte zu erzeugen. Es lohnt sich wirklich, alte Stiche und Schnitte genau unter die Lupe zu nehmen. Man lernt eine Menge dabei. Generell empfehle ich, sich gute Zeichnungen genauer anzusehen, vielleicht sogar für private Zwecke zu kopieren. Bitte denken sie an das Copyright, wenn Sie diese Übungen veröffentlichen sollten. Der Künstler muss mindesten 70 Jahre unter der Erde liegen, damit sie dies ungestraft tun dürfen. Meister dieser Technik sind Martin Schongauer und Albrecht Dürer.

Was ist nun eine Schraffur?
Im einfachsten Fall sind es parallel nebeneinandergesetzte Linien. Je enger ich die Linien nebeneinandersetze, desto dunkler wird der Tonwert.
Breite Abstände oder Papierweiß : Unser Auge erkennt helle Tonwerte.
Geringe Abstände : Unser Auge mischt sich dunkle Tonwerte

Schnell gezogene Linien werden gerade. Langsam gezogenen Linien haben Charakter. Variieren Sie auch mal die Strichstärke. Das geht sehr gut mit Bleistift oder Füller. Beginnen sie bei einem Satz an Parallelschraffuren an der gleichen Seite.

Ich kann die parallelen Linien in verschiedenen Richtungen auf das Objekt legen oder auch dem Objekt anpassen. Dann folgen die Linien der Objektform.

Eine größere Verdichtung erreiche ich durch eine Kreuzschraffur. Dazu legt man weitere Linien im 90° Winkel über die bereits gezeichnete Linie. Ich persönlich mag es, wenn der Winkel etwa bei 45-60° liegt. Sie können das immer so weiter machen, bis Sie die gewünschte Dunkelheit erreichen. Die Schraffurlinien können auch gestrichelt auslaufen oder in Punkten enden.

Aber auch durch wiederkehrende, verdichtete Formen, wie Punkte, kleine Kreise, Flechtmuster, Gekrakel, Wellen, topographische Linien und vieles mehr, erreichen Sie unterschiedliche Tonwerte. Es gilt immer: Verdichtung schafft dunklere Tonwerter. Blinzeln Sie mit den Augen, um die unterschiedlichen Tonwerte besser zu erfassen. Experimentieren Sie und sammeln Sie Schraffuren anderer Zeichner.

4 Gedanken zu „Vom Schummern und Schraffieren“

  1. Genial beschrieben, so kapiert es auch jemand, der das 1.x einen Bleistift zur Hand nimmt. Danke für diesen anschaulichen Beitrag!

    1. Danke für den schönen Kommentar, Andrea. Vielleicht ist das ja auch was für Deine Tochter? Liebe Grüße, Jutta

    1. Da stimme ich Dir voll und ganz zu. Wilhelm Busch gehört auch zu meinen Favoriten. Von tollen Künstlern lernen, kopieren, verstehen. Ich finde das sehr sinnvoll und es bringt mich als Zeichner in der Entwicklung voran. Liebe Grüße, Jutta

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